Der romanische Taufstein der Georgskirche in Dortmund-Aplerbeck

Mein Beitrag zur Ausstellung ART/WORKS gilt einem Objekt, das seit dem 12. Jahrhundert in Dortmund-Aplerbeck steht: dem romanischen Taufstein der Georgskirche. An ihm lässt sich ablesen, wie eine mittelalterliche Werkstatt gearbeitet hat — auch dort, wo sie keinen Namen hinterlassen hat.

Der Taufstein ohne den später hinzugefügten Eisenaufsatz — unten offen, sodass man auch von unten in das Becken schauen kann. Ziehen dreht das Objekt, Scrollen vergrößert. Auf Smartphone und Tablet lässt es sich maßstabsgetreu im eigenen Raum aufstellen. 3D-Modell herunterladen (GLB, 6,1 MB) · USDZ (für iPhone und iPad)

Der Taufstein und sein Bildprogramm

Der romanische Taufstein des 12. Jahrhunderts stammt aus der Gründungszeit der Georgskirche und zeigt eine Geschichte in fünf Bildern. Wie ein Predigt-Comic läuft die Bildgeschichte um den Taufstein herum. Drei Bilder stellen Gottes Heilsangebot an die Menschen dar. Sie bilden die zentralen Ereignisse des Christusgeschehens ab. Zwei Szenen zeigen, wie Menschen, Machthaber, auf dieses Heilsangebot Gottes reagieren.

Der romanische Taufstein vor dem Altar der Georgskirche in Dortmund-Aplerbeck
Der Taufstein an seinem heutigen Platz vor dem Altar der Georgskirche.

Der Steinmetz in seiner Werkstatt

Ein individueller Steinmetz lässt sich für dieses Werk nicht ausmachen. Auf dem Becken befindet sich weder ein Kürzel noch eine Inschrift, die darauf hinweisen würde. Es gibt allerdings Übereinstimmungen mit zwei weiteren formgleichen Taufbecken. Eines befindet sich in der Propsteikirche St. Peter und Paul in Bochum und ein weiteres in der evangelischen Kirche in Dortmund-Brackel. Beide wurden auch gegen Ende des 12. Jahrhunderts erschaffen. Aufgrund hoher formaler, ornamentaler und ikonografischer Übereinstimmungen kann man von einer zusammengehörigen Werkgruppe ausgehen, die möglicherweise aus einer einzigen Werkstatt stammt. Aplerbeck und Bochum zeigen ein einheitliches Bildprogramm in jeweils eigenständiger Umsetzung – was Rückschlüsse auf einen gemeinsamen konzeptionellen Entwurf und auf Übertragungsprozesse zwischen den Objekten erlaubt.

Das Material: Sandstein

Gefertigt sind die Taufbecken aus hellgelblichem, gleichmäßig feinkörnigem Baumberger Sandstein. Dieser wird in den Baumbergen abgebaut, einem Höhenzug nordwestlich von Münster am Rand der Westfälischen Bucht. Feines, homogenes Korn wie beim Baumberger Sandstein erlaubt scharfe Kanten und feine Details (Gesichter, Faltenwürfe, Ornamente), ohne dass das Material ausbricht oder splittert.

Im Vergleich zum Ruhrsandstein war der Baumberger Sandstein der Bildhauerstein – fein, hell, plastisch formbar. Ruhrsandstein war der Bau- und Werkstein der Region. Er ist härter und widerstandsfähiger – gut für tragendes Mauerwerk und Bauteile. Dass die Taufbecken aus Baumberger und nicht aus dem näher gelegenen Ruhrsandstein gefertigt wurden, unterstreicht, dass hier bewusst ein hochwertiges, überregional gehandeltes Bildhauermaterial gewählt wurde.

Der Steinmetz als Zeichner: das Bildprogramm

Neben Hammer, Meißel und vielen weiteren Gesteinswerkzeugen gehörten auch Zirkel, Winkel und Stifte zum Werkzeug der Steinmetze. Nicht jeder Steinmetz konnte zeichnen, allerdings wurde wohl kaum ein Werk ohne vorliegende Zeichnung in Auftrag gegeben. Wie auch heute noch üblich, möchten bei der Gestaltung (Design / Disegnare: Zeichnen) oft mehrere Menschen mitreden. Zeichnungen sind Dokumente, die entscheidend sein können, wenn es um die Bezahlung oder den gestalterischen Erfolg des Werkes geht.

Beide Taufbecken – das Aplerbecker wie das Bochumer – zeigen fünf Szenen aus dem Leben Jesu: Geburt, Anbetung der Könige, Bethlehemitischer Kindermord, Taufe und Kreuzigung. Inhaltlich stimmen sie überein, sind jedoch spiegelverkehrt ausgeführt und weichen in Einzelheiten voneinander ab. In Brackel wurde die Szenenreihe 1605 abgearbeitet und barock erneuert. Eine streng chronologische Lesung der Bildfolge lässt sich an keinem der beiden Becken durchhalten; das Programm erschließt sich vielmehr freier: Von der Geburtsszene aus spannen sich nach beiden Seiten zwei symmetrische Bildachsen – die eine erzählt die Kindheitsgeschichte (Könige, Kindermord), die andere die heilsgeschichtlichen Stationen (Taufe, Kreuzigung). Vergleichbare Zusammenstellungen begegnen auf einer Elfenbeintafel im Aachener Domschatz (um 1100) und am Taufbecken von Freckenhorst.

Weißer 3D-Druck des Taufsteins auf den Altarstufen vor dem Original
Für die Ausstellung habe ich das Taufbecken gescannt und ausgedruckt. Hier sieht man einen ersten Testdruck des 3D-Modells vor dem Original.

Beitrag zur Ausstellung „ART/WORKS. Werk und Werkstatt im Mittelalter“ des Seminars für Kunst und Kunstwissenschaft, TU Dortmund, 3. September bis 4. Oktober 2026 im Dortmunder U.